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Die türkisch-stämmige Schauspielerin Asli Bayram über Rassismus und ihre internationale Karriere

“Nichts zu verlieren – und nicht verloren”

Von Stefan Beig

Von der Miss-Wahl zu Film und Theater: Asli Bayrams bewegte Vita.
Die 28-Jährige schätzt Wien als Ruhepol.

Wien. Eine der bekanntesten jungen Schauspielerinnen Deutschlands hat ihr Management in Wien. Nicht ohne Zufall: In Wien fühlt sich die türkisch-stämmige Deutsche Asli Bayram besonders wohl. Zwischen ihren Reisen quer durch Europa und in die USA wurde Österreichs Hauptstadt für sie zum Ruhepol. Mit der “Wiener Zeitung” sprach Bayram über Wien, ihre Familie, Rassismus und ihre künstlerischen Projekte.

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“Wiener Zeitung”: Sie stammen aus einer türkischen Familie, sind in Deutschland aufgewachsen und sind als Schauspielerin in vielen Ländern unterwegs. Was führt Sie ausgerechnet nach Wien?

Asli Bayram: Es tut mir gut, hier zu sein. Wien ist nicht so hektisch, ein guter Ausgleich für mich. Das erste Mal war ich vor zehn Jahren hier. Der erste Bezirk wirkte auf mich wie aus einer anderen Zeit. Wien ist gemütlich, schön und praktisch. Ich kann im ersten Bezirk alles zu Fuß erledigen. Hier gibt es etliche schöne Cafés, viel mehr als in meiner Heimatstadt Frankfurt.

Es gibt hier auch Gegenden, in denen die türkische Community sehr präsent ist.

Ich selber bin in einem deutschsprachigen Umfeld aufgewachsen. Meine Eltern haben sich entschieden, nicht in eine Wohngegend mit vielen Zuwanderern zu ziehen. Da entsteht leicht eine Art von Isolation.

Was hat Sie dazu bewogen, 2005 an der Wahl zur Miss Germany teilzunehmen?

Ich war neugierig. “Warum ist noch nie eine türkisch-stämmige Deutsche angetreten?”, habe ich mich gefragt. Ich habe mir die bisherigen Kandidatinnen angesehen, und dann dachte ich mir, dass ich eine gute Chance habe. Ich hatte nichts zu verlieren – und ich habe nicht verloren.

Wie hat Ihre Familie auf den Wunsch reagiert?

Meine Familie hat mich unterstützt. Für uns war das gar nicht so ungewöhnlich. In der Türkei gibt es Miss-Wahlen seit 1929, das Jahr übrigens, in dem Hitlers Aufstieg in Deutschland begann. Die türkisch-stämmigen Deutschen waren dann sehr stolz auf meine Wahl. Das ist ein gutes Zeichen für Deutschland, denke ich.

Seither hat sich Ihr Leben merklich verändert. Eine starke Umstellung?

An den Lebensstil als Modell, später als Schauspielerin, habe ich mich schnell gewöhnt. Er ist nicht so glamourös, wie manche vielleicht glauben, sondern anstrengend, aber toll. Ich lerne viel.

Was war seither der Höhepunkt Ihrer Karriere?

Anne Frank zu spielen war schon etwas Besonderes. Regisseur Charles Muller hat mich engagiert. Das Stück hatte 2007 in Luxemburg Premiere und reiste durch Deutschland, Tschechien, Kanada. Anne Franks Cousin Buddy Elias gratulierte mir zu dem Projekt. Seither haben wir einen schönen Kontakt, er ist ja auch Schauspieler. Schließlich wurde ich extra nach Los Angeles eingeladen und habe Anne Frank dort am 12. Juni 2009, anlässlich ihres 80. Geburtstags, im Peltz Theatre des Simon Wiesenthal Museum of Tolerance gespielt. Das war schon toll.

Mehrere Ihrer Theater- und Filmprojekte hängen mit Rassismus zusammen. Hat das mit der Ermordung Ihres Vaters zu tun?

Rassismus spürt man immer noch. Wir müssen alle etwas dagegen tun. Aber ich hätte das Anne-Frank-Projekt auch ohne dieses Erlebnis in meiner Kindheit gemacht. Ich bin immer offen für neue, andere Projekte. Ich würde auch gerne in Wien Theater spielen. Aber das “Wo” ist letztlich für mich nicht so wichtig. Ich suche mir meine Rollen sowohl beim Theater als auch beim Film sehr genau aus.

Sie sprechen fließend Deutsch, Türkisch und Englisch. Für Ihren fünften Film, den bosnischen Streifen “Sevdah za Karima”, haben Sie auch etwas Bosnisch gelernt.. .

Das ist eine Co-Produktion mit Österreich über die Nachwirkungen des grausamen Bosnienkriegs. Noch heute leiden Menschen unter Diskriminierung. Es geht um Minenentferner in Sarajewo und die Probleme der jungen Leute, aber auch um ihren Mut, obwohl das restliche Europa sie im Stich gelassen hatte. Darüber hinaus gibt es 2010 noch zwei Theaterprojekte in Bosnien.

Auch als Autorin sind Sie schon in Erscheinung getreten. Ein Begriff, der in Ihrem autobiografischen Buch “Grenzgängerin” häufig vorkommt, ist Wahrheit. Darin könnte man aufs Erste sogar einen Gegensatz zum beliebigen Multi-Kulti-Begriff sehen.

Wahrheit ist für mich, was Hoffnung, Liebe und Respekt hervorbringt. Ich finde das in allen friedlichen Kulturen. Multi-Kulti finde ich auch gut, ich sehe da keinen Gegensatz. Das ist die Zukunft. Es gibt immer weniger Staaten, die sozusagen nur aus einem “Stamm” bestehen.

“Multi-Kulti, das ist die Zukunft. Es gibt immer weniger Staaten, die sozusagen nur aus einem ‚Stamm‘ bestehen.”

Zur Person

Asli Bayramkam 1981 in Darmstadt zur Welt. 1994 wird ihr 50-jähriger Vater, ein erfolgreicher Unternehmer aus Ankara, von einem Neonazi erschossen. Asli Bayram selbst wird durch eine Schusswunde verletzt. Bis heute spricht sie öffentlich ungern über dieses Ereignis.

So wie ihre vier Geschwister studiert auch Bayram zunächst Jus. Doch 2005 gewinnt sie überraschend als erste türkisch-stämmige Deutsche bei der Miss Deutschland-Wahl. Damit begann eine Schauspiel-Karriere, die sie bereits nach Hollywood führte. Es folgte das erfolgreiche Theaterdebüt in einer szenischen Lesung aus dem Tagebuch der Anne Frank. 2009 erschien Bayrams autobiografisches Buch “Grenzgängerin”.

Asli Bayram