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ZAMAN Österreich im Gespräch mit Aslı Bayram, Miss Deutschland 2005, Schauspielerin und Neo-Autorin, über Osten und Westen, filmreife Anekdoten und Vorurteile gegenüber dem Islam.

Frau Bayram, können Sie sich unseren Lesern bitte kurz vorstellen?
Ich wurde 1981 in Darmstadt geboren. Später sind wir nach Frankfurt umgezogen, wo ich auch zur Schule gegangen bin. Ich habe Jus studiert, wollte jedoch immer schon Schauspielerin werden und nahm auch schon damals an diversen Castings teil. 2005 wurde ich zur Miss Deutschland gekürt und lernte so die Entertainment-Branche ein wenig kennen. Ich vertrat Deutschland bei der Wahl zur Miss Universe. Danach ließ ich das Beauty-Business hinter mir und nahm in Los Angeles bei Eric Morris sowie in Wien privat Schauspielunterricht. Ich habe interessante Filmrollen bekommen, einer meiner Filme lief auch 2009 auf den Filmfestspielen in Berlin. Besonders am Herzen liegt mir das Tagebuch der Anne Frank, das ich zwei Jahre lang als Solostück international auf vielen Theaterbühnen gezeigt habe, unter anderem am Museum of Tolerance in Los Angeles. Das Stück ist beim Publikum sehr gut angekommen, und der große Erfolg war auch für mich als Schauspielerin eine Bestätigung.

Was bedeutet Ihnen das Theater?
Das Theater ist eminent wichtig. Für Schauspieler ist der Film zwar sehr schön, aber das Theater ist immer etwas Besonderes. Man wächst in eine Rolle hinein und lebt sie live und ohne Unterbrechungen auf der Bühne. Der Schauspieler sieht und hört auch unmittelbar die Reaktionen der Zuschauer, das erzeugt eine ganz besondere Energie. Zwischen Schauspieler und Zuschauer entsteht eine ganz konkrete, direkte Verbindung.

Glauben Sie, dass das Theater mit den visuellen Medien vom Aussterben bedroht ist?
Ich glaube, eher das Gegenteil ist der Fall. Die Technik ist überall, auch in der Kunst und besonders stark im Film, aber das Theater, braucht in Wahrheit nur den Schauspieler und den Zuschauer. Theater funktioniert auch ohne besondere Technik. Immer und überall. Das ist schon seit Jahrtausenden so und wird auch weiterhin so sein

Wie läuft Ihre Filmkarriere?
Ich habe heuer meinen fünften Film gedreht. Zuletzt habe ich bei „Amok“ mitgespielt, dem ersten Film des türkischen Regisseurs Cihan İnan. Es geht darin um einen Amokläufer, einem Bankmanger, der für die anderen drei Erzählstränge und ihre Figuren als Metapher steht. Jeder der Figuren läuft irgendwie Amok, zum Beispiel sprachlich oder durch sein Denken.. Es geht weiters um die Multikulturalität und Mehrsprachigkeit der Schweiz. Drei Familien, die durch einen tragischen Unfall zusammenkommen, lernen miteinander umzugehen und sich zu respektieren. Am Ende gibt es aber Hoffnung – ein berührender Film. Der Streifen läuft zunächst, ab Februar, in der Schweiz, die Termine für Österreich und Deutschland stehen noch nicht fest.

Sie lernen ja immer die jeweils nötigen Sprachen für die Filme?
Ja (lacht). Ich habe mir für „Amok“ Schwizerdütsch angeeignet, für meinen bosnischen Film „Sevdah za Karima“ eben etwas Bosnisch gelernt. In diesem schönen Film geht es um die Situation in Bosnien nach dem grausamen, ungerechten Krieg und darum, dass die Menschen immer noch unter Diskriminierung leiden. Es geht um Minenentferner und die Probleme der jungen Leute. Es geht aber auch um ihren großen Mut, mitten in einem Europa, das sie einfach Stich gelassen hat. Ein sehr bedeutendes Drama mit Bezügen zum Krieg. Deswegen mache ich’s auch – weil es bedeutend ist. Da bin ich sehr selektierend. Der Inhalt muss für mich Sinn machen – darauf lege ich großen Wert. Filmangebote, mit einem interessanten, tiefsinnigen Inhalt, kamen bislang weder aus der Türkei noch aus Deutschland.

Was ist Ihnen bei der Wahl eines Angebots am wichtigsten?
Der Film und die Rolle müssen eine Botschaft haben. Ich spiele lieber gar nicht, als eine Rolle, die mir nicht gefällt oder banal ist. Beim Theater oder bei einem Film nehmen wir eigentlich den Menschen ihre Zeit, fürs Zusehen, und dafür müssen wir Künstler in dieser Zeit ihnen etwas Bedeutendes dafür geben.

Sehen Sie etwas Heiliges in Ihrem Beruf?
Das Wort heilig ist zu wichtig, das würde ich nicht für meinen Beruf verwenden. Aber das Wort „sinnvoll“ passt. Wir müssen aber alle versuchen, im Leben etwas Sinnvolles und Bedeutsames zu machen. Ich will mein Leben mit Bedeutung füllen – nicht nur essen, trinken, schlafen und die Zeit vergehen lassen. Ich suche auch Mystisches in meiner Kunst. Auch meine Rolle als Anne Frank war für mich mystisch. Ich möchte mit dem, was ich mache, der Welt – vor allem jungen Menschen, die auf der Suche nach dem Sinn ihres Lebens sind – gute Wertvorstellungen weitergeben.

Haben Sie Ihren Sinn des Lebens gefunden?
Ja – glücklich und zufrieden zu sein. Bin ich durch meine Familie und meinen Beruf.

Nun zu Ihrem Buch „Grenzgängerin“ – wie ist die Idee entstanden? Ist es eine Autobiographie?
Es beinhaltet ein paar autobiographische Details, es war nicht mein Wille, eine reine Autobiographie zu schreiben. Ich habe auf meinen vielen Reisen immer wieder geschrieben, nur für mich selber. Die Idee zu einem „Motivationsbuch“, und das ist mein Buch genau, hatte ich aber immer schon und als dann das Angebot kam, ist dieses Buch entstanden.

In Ihrem Buch fällt besonders die Bedeutung auf, die Familie für Sie hat.
Die Familie ist ein Geschenk. Ich bin so glücklich, dass ich so eine Familie habe – das ist so schön, sich gut zu verstehen, dass sie immer für mich da sind, diese grenzenlose Liebe zwischen uns. Sie ist mir ein starker Rückhalt.

Weiters fällt auf, dass Ihnen Ihr Glaube sehr wichtig ist. Ein Mensch mit einer intakten Familie und einem gefestigten Glauben – den kann nichts so leicht umhauen.
Genau, so ist das. (lacht).

Aber auch der Ost-West-Vergleich sticht aus Ihrem Buch heraus. Zitat: „Als die Sitzkissen in den weißen Häusern der Menschen des Orients schon aus Seide waren, während in den Ländern der Nord- und Westeuropäer noch dichte Wälder jeden Sonnenstrahl auf ihre Holzhütten verschluckten.“ Ist das eine Abrechnung? Jedenfalls ist das sehr mutig.
Es stimmt aber. Das ist meine Meinung, ich habe es geschrieben und es ist historisch richtig. Die Zivilisation damals war im Orient viel weiter entwickelt. Es soll aber bitte nicht als Verallgemeinerung verstanden werden und auch nicht wortwörtlich, sondern als Metapher.

Vermissen Sie nach Ihrem Abgang ins Schauspiel die Atmosphäre der Modewelt?
Das war etwas ganz anderes, ich bin froh, dass ich das auch erlebt habe. Ich habe viel gelernt und es war eine schöne Zeit. Aber jetzt mache ich etwas Anderes, für mich Sinnvolleres. Ich möchte mir immer neue Herausforderungen setzen und immer weiter wachsen.

Sie erzählen auch filmreife Anekdoten, wie zum Beispiel die Geschichte mit dem bereits anrollenden Flugzeug, wo man Sie doch noch an Bord gelassen hat, oder die Überraschungsgeburtstagsparty am orientalisch ausgeschmückten Strand… Fast wie im Film.
Ja, finde ich auch (lacht). Das war wirklich schön. Ich denke mir dann immer: „Wow, was hast du jetzt erlebt – wie ein Geschenk!“ Ich bin auch immer dankbar dafür.

Sie zitieren in Ihrem Buch auch immer wieder aus dem Koran. 
Ja, das war mir wichtig. und wollte einfach alles, was mir wichtig ist, in das Buch hineinbringen. Mich ärgert, wenn Menschen über den Koran reden, obwohl sie ihn nicht einmal gelesen haben. Man sollte wissen, worüber man redet. Übersetzungen in Fremdsprachen sind nicht genau die Worte des Koran aber zumindest hat man dann eine ungefähre Vorstellung, was der Koran ist. Ich habe einfach aus Interesse die Bibel gelesen. Um zu sehen, was da drin steht. Dann gibt es da auch die Medien, die den Islam schlecht machen – das ist einfach unglaublich. Da wollte ich einfach meinen Teil dagegenhalten und meine Meinung kundtun.

Nicht nur der Islam, auch als Ausländer hat man es in den Medien sehr schwer. Das berühmte Muster: Wenn ein Einwanderer etwas Gutes tut, wird er als Österreicher bezeichnet, da wird nicht auf die fremden Wurzeln Bezug genommen. Wenn aber etwas Schlechtes passiert, dann wird der türkische oder andere Hintergrund besonders hervorgehoben. 
Das ist nicht in Ordnung. Das ist auch in Deutschland der Fall. Man wird mit dem täglichen Rassismus sehr oft konfrontiert. Auch in ganz einfachen Situationen, wenn ich zum Beispiel vor dem Schalter stehe, werde ich öfter komisch, argwöhnisch angeschaut, wegen meines Aussehens oder meines Namens.

Was halten Sie vom EU-Beitritt der Türkei? Diese Frage muss man immer stellen. 
Ich bin keine Politikerin und ich überlasse das der Politik. Generell fände ich einen Beitritt gut. Was mir aber zu denken gibt – ob ein EU-Beitritt nun wünschenswert ist oder nicht –, ist, dass Länder beitreten, die auf keinen Fall so weit sind wie die Türkei, und die generelle Islamophobie in der EU.

Gibt es sonst noch etwas, was Sie aus dem Buch hervorheben möchten?
Eigentlich noch sehr vieles. Aber eine Botschaft vielleicht noch: Respekt und Toleranz Menschen gegenüber. Menschlichsein nicht vergessen. Das ist mir sehr wichtig. Der Dialog zwischen den Kulturen. Der Glaube an das Gute. Die Suche nach Wahrheit. Die Freude am Leben. Die Kraft, die Liebe gibt.

Welche Rolle spielt der Glaube in Ihrem Leben?
Generell bin ich der Meinung, jeder muss die Möglichkeit haben seinen Glauben so ausleben zu können, wie er will. Ohne Zwang. Denn der Glaube ist etwas, was nur zwischen dem Menschen und Allah besteht. Ich bin gläubig, weil es mein eigener Wille ist.

Was sagen Sie zu den Jugendlichen, die zwischen zwei Kulturen leben müssen?
In diesem Sinne ist die Bildung sehr wichtig. Sie sollen sich auf jeden Fall bilden. Sie sollten sich bewusst sein, dass sie viele Vorteile haben. Auch wenn Menschen uns gegenüber Vorurteile hegen, bin ich trotzdem der Meinung, dass wir im Vorteil sind. Wir wachsen zweisprachig auf, wir lernen beide Kulturen und den Umgang mit Menschen gut kennen. Viele Menschen gehen dafür jahrelang in die Schule. Aber wichtig ist es, dass wir diese Gabe für gute Zwecke verwenden. Die Jugendlichen sollen sich auf keinen Fall von Vorurteilen abschrecken lassen.

Haben Sie eine Botschaft an unsere Leser?
Unsere Kultur ist so reich, wir müssen stolz auf sie sein und sie unseren Kindern weiter erzählen. Und auch die Möglichkeiten in diesem Land nutzen – vor allem, was die Bildung anbelangt! Und – Liebe ist grenzenlos.

Aslı Bayrams Buch „Grenzgängerin“ ist im November im Gütersloher Verlagshaus erschienen.

Filme:
SHATTERED SOUL
Regie: Mustafa Altioklar
Rolle: Asli
2006 / Action / Thriller

JUMP!
Regie: Joshua Sinclair
Rolle: Josephine Gehwolf
2006 / Drama

SHORT CUT TO HOLLYWOOD
Regie: Stahlberg & Mittermeier
Rolle: Roseanne May
2007 / Comedy

AMOK
Regie: Cihan Inan
Rolle: Özlem Önel
2009 / Drama

SEVDAH ZA KARIMA
Regie: Jasmin Durakovic
Rolle: Dzemila
2009 / Drama

Theater:
DARN MY LUCK!
2006 / Bühnenlesung
Regie: Ottwald John
Rolle: Hanna Arendt (als junge Wissenschaftlerin)

ANNE FRANK: THE DIARY
2007–2009 / Drama
Regie: Charles Muller
Rolle: Anne Frank
Solostück, basierend auf dem Original-Tagebuchtext von Anne Frank, aufgeführt in Luxemburg, Prag, Frankfurt am Main, Toronto sowie im Museum of Tolerance in Los Angeles.

AYNUR KIRCI / Zaman Österreich

Asli Bayram