Asli Bayram- Junges Multitalent, jetzt in Wien : Die Presse.comZum Original Artikel:

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Asli Bayram war die erste Miss Deutschland mit türkischen Wurzeln, ihr Vater wurde 1994 von Neonazis erschossen. Vor zwei Jahren verkörperte sie die Jüdin Anne Frank am Theater und erobert seitdem langsam den europäischen Film.

Gestern Frankfurt, heute Wien, morgen New York.Asli Bayram hat kein richtiges Zuhause. „Zu Hause fühle ich mich überall“, sagt sie und lächelt. Der Schnee in Wien gefällt ihr, sagt sie. Und erzählt beiläufig, um wie vieles kälter es am Vortag in Frankfurt war. Das Interview war spontan eingefädelt, dem Zufall überlässt die Dunkelhaarige aber nichts. Wir treffen uns im Büro ihres Wiener Managers in einem renovierten Altbau hinter dem Parlament. Großformatige Bilder an der Wand, geschmackvolle Einrichtung aus Fernost, beiges Sofa. Asli Bayram, die Perfekte, passt perfekt hierher.

Der aktuelle Anlass des Treffens ist ihr kürzlich erschienenes Buch „Die Grenzgängerin“. Sie sagt, sie wollte keine „typische Autobiografie“ schreiben, sondern ein Buch über ihre Lebensphilosophie. „Ich habe immer schon geschrieben. Nur für mich. Ich wollte den Menschen etwas geben, meine Einstellung zum Leben, zur Liebe, zu Respekt und Toleranz.“ Solche Worte aus dem Mund einer 28-Jährigen? Klingt das vermessen? Ein bisschen. Eingebildet? Kein bisschen. Eitelkeit scheint Asli Bayram fremd zu sein. Dass sie schön ist, weiß sie aber. Und einige Zeilen in ihrem Buch klingen ziemlich naiv, wenn sie etwa schreibt, dass sie sich nie von schlechter Laune anderer anstecken lasse, nie jammert, weil sie dann Zeit verliert und „Wahrheit“ als eines ihrer „Schlüsselwörter des Lebens“ sieht. Wobei das zumindest nicht ganz falsch ist. „Asli“ (gesprochen Asle und geschrieben im Türkischen ohne Punkt auf dem i) bedeutet „Wahrheit“.

Herzensprojekt Anne Frank. Aber halt. Alles retour. Wer über Bayrams Buch richtet, muss zuerst wissen, wer diese Frau ist. Mit ihren jungen Jahren hat sie so viel Schlechtes und Wunderbares erlebt wie andere in ihrem Leben nicht. Sie wächst als viertes von fünf Kindern türkischer Einwanderer im deutschen Darmstadt auf. Als sie 12 ist, wird ihr Vater von einem Neonazi erschossen, sie wird dabei verletzt. Über die Sache redet sie ungern, will nicht darauf reduziert werden, „nicht jedes Mal erzählen, wie es genau war, weil mir das wehtut“. Mit 23 tritt sie als erste Deutsche mit türkischen Wurzeln bei der „Miss Deutschland“ an – und gewinnt. Sie fährt zur Miss-World-Wahl, gewinnt dort zwar nicht, hat aber ein aufregendes Jahr. Sie wollte immer schauspielen, erzählt sie. Das Beautyköniginnen-Dasein habe ihr dabei sogar geholfen. Aber reduzieren lassen will sie sich auch darauf, bitte, nicht. Was vor allem die Kritiker erstaunt hat: Ihr Weg hat sie tatsächlich zum Schauspiel gebracht. Noch dazu zum anspruchsvollen. Sie macht eher Independent-Filme als Blockbuster, spielt eher Charakterrollen und nicht in plumpen Junge-Mädchen-Filmen. Am 22. Jänner kommt ihr neuer Film „Shortcut Hollywood“ auch in Österreich in die Kinos. Eine Parabel über Hollywood.

Ihre bisher größte schauspielerische Herausforderung, ihr „Herzensprojekt“, fand Bayram aber am Theater. Der Regisseur Charles Muller engagierte sie als Anne Frank. Dass eine Muslimin eine Jüdin spielt, das fanden nur die deutschen Medien erwähnenswert. In Amerika, Luxemburg und Toronto war das anders, dort sah man es „als Toleranzakt“. Anne Franks Cousin Buddy Elias half ihr bei den Proben zu dem Stück, das 2008 in Luxemburg Premiere hatte und zuletzt am 12. Juni 2009 anlässlich Anne Franks 80. Geburtstags im Peltz Theatre des Simon Wiesenthal Museum of Tolerance in Los Angeles gezeigt wurde. Das Bühnenbild entwarf der österreichische Künstler Tone Fink – nur aus Papier. „Papier war das einzige Material, dem Anne Frank sich inmitten des Irrsinns der Welt anvertrauen konnte“, schreibt Bayram in ihrem Buch.

„Amok“ in der Schweiz. Weihnachten verbrachte sie in Wien, der Stadt, in der sie immer wieder eine Zeit lang lebt, weil sie hier ihre Schauspielprofessorin Anne Mertin gefunden hat und nicht zuletzt auch den Manager Robert Hofferer. Den mit dem schicken Büro. Die Stadt gefällt ihr, mehr als platte Gefälligkeiten kommen ihr aber nicht über die Lippen. In ihrem Buch kann man zumindest nachlesen, dass sie hier auch enge Vertraute hat. Den türkisch-österreichischen Schauspieler Turhan Bay etwa, der in den 1940er Jahren ein gefragter Akteur in Hollywood war und schon lange wieder in Wien lebt.

In der Schweiz hat sie ihren jüngsten Film „Amok“ gedreht. Die Minarettvolksabstimmung hat sie mitverfolgt. „Ich finde es merkwürdig, dass man über Architektur abstimmt“, sagt sie zuerst. Und fügt dann hinzu: „Das Gute am Islam ist ja, dass man überall beten kann.“ Ein Buch von einer jungen Frau, knappe 30, die Lebenstipps und Ratschläge gibt – geht das also? Es ist kein literarisches Meisterwerk, die Ratschläge sind manchmal beliebig, aber es haben schon andere weniger brauchbare Bücher geschrieben. So viel erlebt wie Bayram haben sie vermutlich nicht.