Die Weltoffene : Frankfurter RundschauSie wirkt ernst, präsent, reif. Vielleicht fast zu früh gereift, ließe sich angesichts ihrer jungen Jahre sagen. Aber es verwundert wenig, hat das Leben doch schon tiefe Wunden in ihr Dasein geschlagen. Viel zu früh.

Grenzen setzt sie sich trotz alledem nicht, im Gegenteil. Zumindest dann nicht, wenn es etwa um Liebe und Menschlichkeit geht, um Sprachen und Beruf, um Kulturen und das Leben. “Ich will offen sein”, sagt Asli Bayram. “Ich gebe nie auf”, schreibt sie in ihrem Buch “Grenzgängerin”. Und: “Man kann alles schaffen, wenn man es wirklich will.”

Vater, ein erfolgreicher Unternehmer aus Ankara, wird 1994 in Darmstadt von einem Rechtsradikalen erschossen. Der Täter ist ein Nachbar der Familie. Auch Asli Bayram selbst, noch ein Mädchen, wird bei der Tragödie angeschossen. Ihre Mutter zieht später mit ihren Geschwistern und ihr von Darmstadt nach Frankfurt um. Weil sie “nicht mit dem furchtbaren Tod meines geliebten Vaters” in die Schlagzeilen kommen wolle und jegliche “Sensationsmache auf Kosten unserer Gefühle” ablehne, spricht die junge Frau öffentlich kaum über den furchtbaren Tod ihres Vaters. Als ein Fernsehmoderator sie entgegen vorheriger Absprache in einer Live-Sendung danach fragt, will sie am liebsten aufstehen und gehen. Stattdessen erklärt sie zornig vor laufender Kamera, dass er ihr fest zugesagt habe, das Thema nicht zu berühren.

“Ich will und werde das Sterben meines Vaters nicht zur Legendenbildung verwenden”, schreibt sie in ihrem Buch. Und wenn sie darüber spreche, dann, weil sie klarmachen wolle, dass es in einer Demokratie zu “so unfassbaren Fehlurteilen” kommen könne, denn der Täter sei mit nur wenigen Jahren Haft bestraft worden. Und ebenso, sagt sie ernst, “weil ich gegen Rassismus kämpfen will und dafür, dass Menschen tolerant sind”. Themenwechsel. Draußen peitscht der Wind. In Frankfurt hat Asli Bayram sechs Jahre gelebt, heute ist sie meist auf Reisen. “Zuhause ist dort, wo meine Familie ist, aber auch dort, wohin meine Arbeit mich ruft”, sagt sie. Neben Frankfurt sei Wien inzwischen ein Basis-Ort. London und Los Angeles sind ebenfalls regelmäßige Anlaufpunkte. Ihr Buch habe sie im Laufe eines Jahres geschrieben, “wann immer ich Zeit neben meinen sonstigen Verpflichtungen hatte”.

Wahrhaftig sein, mutig und den eigenen Weg zu gehen, das ist Asli Bayram ganz wichtig. Im kommenden Jahr sei schon der nächste Filmprojekt geplant, wieder in Sarajevo. “Es geht um die Nachwirkungen des Bosnien-Krieges”, sagt sie. “Es ist inspirierend, es gibt so mutige Menschen dort.” Es klingt ganz so, als ob auch Sarajevo ein richtiger und wichtiger Ort für die Grenzgängerin ist.

Grenzgängerin. Leben zwischen den Welten. Von Asli Bayram. Gütersloher Verlagshaus, 2009, 17,95 Euro. 

Link zum Artikel in der FR vom 07.11.2009

http://www.fr-online.de/frankfurt_und_hessen/nachrichten/hessen/2126125_Asli-Bayram-Die-Weltoffene.html